Latein

Das Fach Latein

Welche Vorteile bietet Latein?

Es muss ein Kinderspiel sein, die Vorteile einer Sprache abzuwägen, immerhin trauen wir es schon seit Jahrzehnten Fünftklässlern zu. Aber – wie so häufig – lohnt es sich, auch über die Sprachenwahl etwas länger nachzudenken.

Entscheidungen möglichst rational zu treffen, heißt, Vor- und Nachteile abzuwägen. Die Vorteile einer Sprache ergeben sich natürlich aus ihrem Nutzen für die eigene Person, aus den eigenen, persönlichen Zielen. Man muss also letztlich individuell entscheiden. Trotzdem lassen sich Anhaltspunkte finden, die den Nutzen einer Sprache verdeutlichen, und diese Anhaltspunkte lassen sich auch auf Latein anwenden:

  1. Meist wird die Anzahl der Sprecher aufgeführt, daraus ergibt sich dann schon eine Vorstellung von der späteren wirtschaftlichen oder touristischen Produktivität der Sprache, insbesondere wenn man noch die wirtschaftliche Attraktivität der Muttersprachler in die Überlegung einbezieht.
  2. Manche mögen auch einfach nur den Klang, die Ästhetik, den Charme einer Sprache.
  3. Viele begeistern sich für die Kultur(en), die sich hinter, aber auch in der zu lernenden Sprache verbirgt.
  4. Einige schätzen auch die eigenen Veränderungen, die ihnen das Erlernen einer Sprache abverlangt. Manchen Sprachen gelingt es, den Charakter des Lernenden zu formen – frei nach Humboldt: „jede Sprache formt ihr eigenes Denken“ oder im erweiterten Sinne nach dem Hirnforscher und Nobelpreisträger Eric Kandel: „Der Mensch ist das, was er gelernt hat.“

Wie füllt Latein nun diese Anhaltspunkte?

  1. Die Anzahl der aktiven Sprecher ist wohl statistisch irrelevant – Latein ist tot. Andererseits könnte man natürlich sagen, dass Latein in seinen Folgesprachen weiterlebt, dann umfassen die romanischen (lateinischen) Sprecher plötzlich gute 700 Millionen Menschen weltweit. Wobei die Englisch-Sprecher noch nicht einmal mitgezählt wurden, obwohl ca. 50% des englischen Wortschatzes auf das Lateinische zurückgehen – der Provinz Britannia und „William the Conqueror“ sei Dank. Mit dem wirtschaftlichen Nutzen verhält es sich entsprechend, entweder gibt es keinen oder die wirtschaftliche Kraft der oben erwähnten gut 700 Millionen Lateinfolgesprecher.
    Weil ja natürlich auch Zeit ein Wirtschaftsfaktor ist, muss an dieser Stelle wohl auch die Einsetzbarkeit des Lateinischen für verschiedene universitäre Laufbahnen Erwähnung finden. Wer für sein Studium das Latinum braucht und es noch nicht in der Schule erworben hat, muss meist ein Jahr seines Studiums dafür aufwenden, das Latinum nachzuholen. In dieser Zeit gelingt es den wenigsten, ihr eigentliches Fach entscheidend voranzubringen – die Studienzeit verlängert sich also meist um ein knappes Jahr.
    Die Anforderungen der Universitäten, welches Fach das Latinum voraussetzt, wechseln allerdings und variieren auch von Bundesland zu Bundesland. Für Spanisch, Französisch, Geschichte, Theologie, Philosophie, Archäologie und Kunstgeschichte ist das Latinum allerdings noch immer Voraussetzung. Auch wer in bestimmten Fächern promovieren möchte, z. B. in den Geistes-wissenschaften den Dr. phil.(osophiae), in Jura den Dr. iur(is) erwerben möchte, braucht meist das Latinum.
    Generell bedienen sich nahezu alle Studiengänge in ihrer Fachterminologie der lateinischen Sprache und erschaffen sogar durch Kombinationen neue lateinische Wörter (vgl. Computer von computare, Globalisierung von globus). Latein erleichtert also ganz allgemein das Verständnis oder Erlernen gehobener Sprache. Selbst im Alltag begegnen uns ständig lateinische Fremdwörter, deren Sinn sich erst durch die Kenntnis der ursprünglichen Bedeutung umfassender erschließt (in diesem Artikel bisher: Faktor, irrelevant, Produktivität, Attraktivität, Form, Kultur, aktiv, Millionen, Prozent, Provinz, universitär, Schule, Studium, variieren, promovieren, Terminologie, Kombination).
  2. Ob der Klang oder die Symmetrie von Latein gefällt, bleibt natürlich jedem selbst überlassen.
  3. Für welche lateinische Kultur soll ich mich denn begeistern? Die Antike ist die Kultur, die hinter und in Latein lebt – wer könnte die einzigartige Faszination dieser Epoche zurückweisen? Allein die Rezeptionsgeschichte der Antike durch „jüngere“ Künstler, Schriftsteller, Philosophen, Ingenieure, Architekten, Politiker und viele mehr ist Beweis genug für die Strahlkraft dieser Epoche, die uns zwar technisch unterlegen, aber geistig noch immer sehr nahe steht – man denke nur an unsere Staatsformen, an unsere Architektur oder unser Rechtssystem. Die Antike beschäftigte sich bereits ausführlich mit den Grundfragen der Menschheit: mit dem allgemeinen Werteverständnis, der Würde des Menschen, Ehrvorstellungen, dem Leiden, dem Lieben, der Urteilsfähigkeit, der Allgegenwart des Todes etc. Der Lateinunterricht greift diese in seiner Text- und Sachthemenauswahl auf. Manch einer geht sogar so weit und konstatiert:“Wir schauen mit Herablassung auf vergangene Zeitalter, als wären sie nur ein Vorspann für uns – was aber, wenn wir nur ein Nachglanz von ihnen sind?“ (J. G. Farrel, Belagerung von Krishnapur). Im Lateinunterricht geht es also auch darum, einen kritischen Blick auf die eigene Kultur werfen zu können. Die offensichtliche Andersartigkeit der Antike stellt von Anfang an eine Fremderfahrung dar, die ganz automatisch zum Abgleich mit und der Bewusstwerdung von Prinzipien der eigenen Kultur führt. Diese Alterität und ihre Folgeeinsichten kann in dem Ausmaß keine moderne Fremdsprache bieten.
  4. Welche Effekte hat Latein nun auf die Lernenden? Hier verstecken sich die größten Stärken der lateinischen Sprache. Latein ist eine komplexe Sprache, die den Lernenden unbedingte Genauigkeit und Gründlichkeit abverlangt. Es gilt nicht nur, Vokabeln zu lernen, sondern auch die Grammatik und Formenlehre einwandfrei zu beherrschen und alles zu kombinieren. Sätze lassen sich nicht einfach wie in der Muttersprache oder den modernen Fremdsprachen „herunterlesen“, sondern müssen erst erarbeitet werden. Es kann schon mal vorkommen, dass man 20 Minuten an einem Satz knobelt. Geduld, Kombinationsgabe und Systematik ist hier gefragt. Latein trainiert also bestimmte Charaktereigenschaften. Moderne Fremdsprachen trainieren zu einem Großteil kommunikative Kompetenzen, Latein konzentriert sich auf das intensive, analytische Textverstehen – auch heute noch sind dazu die oben genannten Eigenschaften unabdingbar.

Es sei uns erlaubt, die Vorteile des Lateinischen in Bildern zusammenzufassen:
Latein ist ein hilfreicher Schlüssel für alle Studiengänge und noch immer Voraussetzung für bestimmte universitäre Laufbahnen und Kreise. Latein ist der Nährboden aller romanischen Sprachen (Spanisch, Italienisch, Rumänisch, Portugiesisch, Französisch, et al.) und ist damit eine hervorragende Aussaat für deren späteren Erwerb. Latein ist ein 2500 Jahre alter Quell des Wissens, der gerade für Heranwachsende in der Auseinandersetzung mit vielen Grundfragen persönlicher Existenz und unserer europäischen Kultur nahezu unerschöpflich sprudeln kann. Latein ist durch seine Anforderungen ein einzigartiger Schleifstein des Geistes und sogar des Charakters.

Welche Herausforderungen stellt Latein an die Lernenden?

Latein ist eine komplexe Sprache, es müssen viele Formen auswendig gelernt werden und oftmals in abstrakten Begriffen gedacht werden. Wie in allen Sprachen dürfen auch hier die Vokabeln nicht vernachlässigt werden. Erfreulich ist, dass es wenige Ausnahmen gibt und die Unterrichtssprache Deutsch ist.
Aber man darf sich nicht täuschen, Latein gehört zu den schwierigsten Sprachen, die man auf dem Gymnasium lernen kann und nicht jedem gelingt dies. Latein kann man nicht (mehr) intuitiv übers Ohr oder eine lateinische Umgebung lernen, es muss kontinuierlich erarbeitet werden. Lücken können vor allem in Latein schnell problematisch werden.

Für wen ist Latein geeignet?

Die Motivation ist oftmals entscheidend. Wer sich für die Antike, für Geschichte generell begeistern kann, lernt meist auch gerne Latein. Wer darüber hinaus auch eine Faszination für Worte und markerschütternde Formulierungen hat, der wird an Latein seine Freude haben.

Systematische und ruhige Lerner sind meist auch gute Lateiner. Man braucht Durchhaltevermögen, Beständigkeit und Biss, um später auch lange und schwierige Sätze dekodieren zu können. Natürlich entwickeln sich diese Fähigkeiten auch noch im Laufe der Lateinzeit weiter, aber in Ansätzen sollten sie schon vorhanden sein.

Erwerb des Abschlusses (Großes) Latinum

Schülerinnen und Schüler, die mit Latein ab Klasse 6 beginnen, erlangen nach dem erfolgreichen Absolvieren der Klassenstufe 10 den Abschluss „Latinum“, mit dem Abitur nach Klassenstufe 13 den Abschluss „Großes Latinum“.
Beide Abschlüsse werden dann automatisch, d.h. ohne gesonderte Prüfung, bescheinigt.

Was halten andere von Latein?

Ein inspirierender Artikel zum Thema Latein ist auch in der ZEIT erschienen – hier kann er direkt gelesen werden.

Eine Auswahl an Leserbriefen von namhaften Persönlichkeiten zu Sinn und Unsinn von Latein hat die Süddeutsche Zeitung veröffentlicht – hier können die Leserbriefe direkt gelesen werden.